25. Mai 2018 Redaktion der New York Times

Journalismus in Zeiten der Medienkonvergenz

Das Modell Zeitung und der unabhängige Journalismus scheinen am Ende – die Zeitungskrise hat auf breiter Front Schneisen in jounalistische Angebote geschlagen. Viele Arbeitsplätze wurden geschleift, Redaktionen zu Newsroom-Mannschaften zusammengefasst. Gleichzeitig sind die digitalen Möglichkeiten gewachsen, aus der Medienvielfalt ist eine Vielfalt der Kanäle und Formate geworden.

Doch was macht das Publikum? De Sphäre der Öffentlichkeit hat sich fragmentarisiert. Aus der offenen Gesellschaft wird die „zellulär kommunizierende Gesellschaft“, die in virtuellen Gemeinschaften und „digitalen Dörfern“ und „sozialen Netzwerken“ ihre Eigenkulturen pflegt.

Ist das die Zukunft? Oder ist es das „digital-neurotoxische Keimbett“ für Populismus, Verschwörungstheorien und Zerstörung der offenen Gesellschaft?

Welche Medien haben noch sichere Konzepte?

Es gibt nur noch wenige Medien, die eine „Leuchtfeuerfunktion“ der offenen Gesellschaft wahrnehmen können, und eine breite Öffentlichkeit herstellen. Gleichzeitig steigt aber der gesellschaftliche Bedarf nach Orientierung und nach Vordenken, Simulation und zum Austesten von Zukunftsalternativen. Das Medium Zeitung bleibt wichtig – doch es wird in der kommenden totalen Medienkovergenz vor allem als „Prinzip Zeitung“ überleben müssen – damit Städte, Regionen, Gemeinschaften und Gesellschaften funktionieren können.

Smart Cities und Smart Regions

Die digitale Revolution beginnt aufs Neue, wenn digitale Technologien grundlegend in Frage gestellt werden, und nach Kosten und Nutzen, nach Effizienzkriterien und Zeiteffektivität überprüft und dekonstruiert werden.

Die Vorteile der Digitalisierung sind bisher vom kalifornischen Internetinvestoren bestimmt worden, die das Gesetz der großen Skalierbarkeit und weltumspannende Geschäftsmodelle zum Grundgesetz aller Entwicklung gemacht haben.

Doch die weltweite Spaltung in Arm und Reich wird damit immer mehr voran getríeben – eine Entwicklung die sich angesichts weltweiter Informationskonvergenz und weltweiter Migration als“immerwährend“ zerstörerisch zeigt.

Die Menschheit braucht neue Marktordnungen, digitale Marktordnungen und einen Schutz analoger und digitaler Märkte, die auf Augenhöhe direkt zwischen Menschen funktionieren.

Das bisherige Prinzip der „werbefinanzierten digitalen Entwicklung“ muss verantwortlichere Ordnungsmodelle zur Seite gestellt bekommen.

Im Sinne der UN-Agenda zur nachhaltigen Entwicklung müssen heute die Weichen für eine Post-2030 Gesellschaft gestellt werden. Neben das Silicon-Valley-Paradigma der Investoren wird heute ein „Silicon-Savannah-Modell“ des mobilen Internets gestellt, das ganz Afrika in eine inklusive mobile Internetgesellschaft katapultiert. Es ist heute schon nach Asien der zweitgrösste Mobilfunkmarkt.

Das rasante Wachstum der asiatischen Städte und die Digitalisierung der Städte wird jedoch noch viel weiter tragende Paradigmen hervorbringen: das der „Smart Cities“ und „Smart Regions“ – in denen Medien und das Prinzip Zeitung essentielle und überlebenswichtige Funktionen haben.

Journalisten und „Kuratoren“(Moderatoren) der digitalen Stadtgesellschaft werden diese Smart Cities und Smart Regions zum Gemeinwohl und Nutzen aller Bewohner mit gestalten.

Statt wilder privater und konzernweiter AGB´s mit tausenden Seiten von Software-Firmen und Clouddiensten wird es „digitale Marktordnungen“ geben, die „sozioökonomische Subsidiarität“ und Topologien von Arbeitsteilungen und Wertschöpfung beeinhalten, und von demokratischen Regulierungsbehörden überwacht werden.

Die menschlichen Arbeitsteilungen in Smart Cities und Smart Regions müssen künftig durch Frameworks, Technologien und digitale Konventionen kuratiert, moderiert und ggf. auch durch Ordnungen und Gesetz reguliert werden.

Vielfalt, Vernetzung, Verschränkung, Freiheit, Stadtfreiheit und soziale Flexibilität und soziale Bindungen sind künftig nicht nur auf Konkurrenz und Wettbewerb, sondern auch auf urbane und regionale Synergien auszurichten.

Wohlstand, Prosperität und Freiräume können auf Dauer nur durch gestaltete Synergien und durch Konsens-Vereinbarungen gewährleistet werden.

Medienkonvergenz in der Smart City
Medienkonvergenz in der Smart City: Journalisten benötigen künftig transaktionsfinanzierte Geschäftsmodelle – Grafik: © Anzeigio

Medienentwicklung in „Smart Cities“ und „Smart Regions“

Die Medienentwicklung wird durch technische Medienkonvergenz bestimmt. Dies begünstigt die wettbewerbliche Konzentration und Wertschöpfung und die Konzernbildung. Um nachhaltige und soziale Stabilität zu wahren, müssen grundlegende digitale Strukturen in Städten und Regionen gegen ökonomisches Ausbluten und gegen disruptive Zerstörung geschützt werden.

Die Grundforderungen sind nach Art einer Magna Charta der „Smart Cities“ und „Smart Regions“ zu formulieren:

Polis + Kultur + Markt + Infrastruktur + Citizenship – Terms of Transaction + Terms of Trade

müssen durch funktionierende Öffentlichkeiten, Transparenz, Pressekodex und durch Marktregeln garantiert werden. Das Leitbild der offenen Gesellschaft der digitalen Synergien und Märkte wird das positive Zukunftsmuster sein, das Stadt und Land und große Gemeinschaften überlebensfähig und nachhaltig organisiert.

Das Zukunfstmuster ist noch offen, aber es hat schon Facetten, die erkennbare Alternativen zum Hier und Jetzt bieten. Mensch-Roboter-Kooperation wird künftig große Teile der Primärwertschöpfung übernehmen können. Automatisierung und autonome Systeme werden sogar Modelle „schmerzfreier Besteuerung“ ermöglichen. Menschen werden nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern Mitgliedschaften und Genossenschafts- und Sharing-Kapital für ihren Lebenserwerb nutzen. Und es wird ein unendliches Feld der Kreativ- und Kulturökonomien geben.

Journalismus in Zeiten der Medienkonvergenz

Das Prinzip Zeitung hat eine Zukunftschance, wenn es gelingt, transaktionsbasierte Ökonomien in der Stadt und in der Region aufzubauen. Das technische Grundgerüst wurde schon erarbeitet. Eine Ausweitung der Geschäftsideen und Geschäftprozesse in Städten und Regionen kann jederzeit beginnen.

Die Ökonomie niedrigskalierter digitaler Geschäftsmodelle in der Medienwelt ist mit transaktionsbasierten Finanzierungsmodellen sehr viel stabiler als erwartet. Es gibt ein paar Geheimnisse, die Mut machen, die auch gegen hoch skalierte Geschäftsmodelle Zeit-, Kosten- und Effizienzvorteile ausspielen können. Vor allem kann gute Arbeit gesichert werden – auch und gerade für Journalisten.

Doch die Berufe der Journalisten und „Kuratoren“ von Polis + Kultur + Markt müssen durch „digitale Ordnungspolitik“ geschützt werden – es ist eine gesamtgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe.

Autor: Michael Springer, Herausgeber | 25. Mai 2018


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